Diese Entwicklung kann als Zeichen der Stabilität und Verlässlichkeit gewertet werden, wirft andererseits jedoch Fragen nach der Erneuerungsfähigkeit dieser zentralen Gremien auf. Sie steht zudem im Spannungsverhältnis zu aktuellen Governance-Trends: Während der Deutsche Corporate Governance Kodex im Sinne der Unabhängigkeit eine maximale Zugehörigkeit von zwölf Jahren empfiehlt – zuvor 15 Jahre –, verlängert sich die tatsächliche Verweildauer in den Aufsichtsräten weiter. 20 Prozent der Aufsichtsräte sind länger als neun Jahre im Gremium – 2024 waren es erst 16 Prozent.
Zudem auffällig im neuen Index 2026: Die Aufsichtsräte bleiben nicht nur länger im Amt, sie haben zum Teil auch ein beträchtliches Alter. Rund 60 Prozent der Vorsitzenden sind älter als 65, jeder zehnte sogar über 75. Am unteren Ende der Altersskala wird die Besetzung deutlich dünner: Nur vier unabhängige Aufsichtsräte sind jünger als 40 Jahre – darunter seit 2026 auch Dr. Philipp Herzig im Aufsichtsrat der Deutschen Telekom. Die Gremien verfügen somit zwar über viel Erfahrung und tiefe Unternehmenskenntnis. Entscheidend ist jedoch, wie dieses Know-how gezielt um neue Perspektiven und moderne Unternehmensführung ergänzt werden kann.
Diversität stagniert: Internationalität sinkt, Frauenanteil unverändert
Ein weiterer Befund des aktuellen Board Index: Der Anteil internationaler, neu gewählter Aufsichtsratsmitglieder ist von 19 Prozent (2024) auf 6 Prozent gefallen. Zwei Aufsichtsräte kommen ganz ohne internationale Mitglieder aus, neun weitere Gremien verfügen über lediglich ein Mitglied mit internationalem Background – und das bei einer durchschnittlichen Besetzung von 15 Aufsichtsräten. Somit ist nicht nur die internationale Perspektive signifikant unterrepräsentiert, die DAX-Aufsichtsräte werden damit wieder deutscher. Obwohl globale Umbrüche den Bedarf an internationaler Erfahrung, geopolitischem Gespür und einem tieferen Verständnis veränderter Marktbedingungen weiter steigen lassen.
Und auch mit Blick auf den Frauenanteil bewegt sich wenig: Wie schon 2024 sind auch gemäß Index 2026 39 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder weiblich. Was den Vorsitz betrifft, so stehen vier weibliche Aufsichtsratsvorsitzende 35 männlichen Kollegen gegenüber.
Vier weibliche Aufsichtsratsvorsitzende in den DAX40-Unternehmen
- Clara‑Christina Streit – Deutsche Börse und zusätzlich Vonovia
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Katrin Suder – DHL Group
- Simone Bagel‑Trah – Henkel
- Sabrina Soussan – Continental (neu in 2026)
Technologie- und KI-Kompetenz sind in den Gremien kaum vertreten
Besonders deutlich wird der Handlungsbedarf beim Blick auf Technologie und Künstliche Intelligenz. Dabei entwickeln sich Digitalisierung, Cyberrisiken, datengetriebene Geschäftsmodelle sowie Zukunftsfelder wie Robotik und Quantentechnologien zunehmend zu zentralen Fragen von Erneuerungskraft, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit. In den Aufsichtsräten der DAX40-Unternehmen ist entsprechende Expertise bislang jedoch kaum vorhanden: Nur rund 6 Prozent der Aufsichtsräte verfügen über berufliche Erfahrung im Technologiesektor. Zwar bringen mehr als die Hälfte der Aufsichtsratsmitglieder CEO- oder CFO-Erfahrung mit, Profile wie Chief Technology Officer, Chief Innovation Officer oder Chief Digital Officer sind jedoch kaum vertreten. Auch strukturell sind Zukunftsthemen wie Technologie, Innovation, KI und Digitalisierung noch nicht ausreichend in den Gremien verankert: Gerade einmal 17 der DAX40-Unternehmen verfügen über Ausschüsse für diese Bereiche.
Drei Fragen, die Aufsichtsratsvorsitzende jetzt stellen müssen – wenn sie den Takt der Zeit mitbestimmen wollen:
- Wann wird Kontinuität zum Risiko – etwa für Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens?
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Wie lässt sich die gezielte Erneuerung des Gremiums vorantreiben, ohne Stabilität zu gefährden?
- Wo bestehen Kompetenzlücken im Aufsichtsrat, insbesondere bei Technologie, KI, und internationaler Erfahrung, und wie können diese gezielt geschlossen werden?
Lars Gollenia, Leiter der Board- und CEO-Practice bei Spencer Stuart, fasst zusammen: „Wir treten auf der Stelle. Deutsche Unternehmen haben unglaublich erfahrene Aufsichtsräte. Gleichzeitig brauchen sie mehr frische Perspektiven, technologisches Know-how und internationale Erfahrung, um die großen Transformationsthemen der nächsten Jahre zu begleiten. KI, Digitalisierung und technologische Innovation sind zentrale Elemente der Wettbewerbsfähigkeit. Wenn entsprechende Kompetenzen in den Gremien kaum vertreten sind und nicht einmal die Hälfte der DAX40-Unternehmen dafür eigene Ausschüsse hat, entsteht eine strategische Lücke. Aufsichtsräte sollten den Blick stärker auf Zukunftsfähigkeit, Technologie und geopolitische Resilienz richten – sonst laufen sie Gefahr, hinter den Anforderungen der nächsten Transformationswellen zurückzubleiben.“
Den gesamten Spencer Stuart Board Index 2026 finden Sie hier
Über Spencer Stuart
Spencer Stuart ist seit der Gründung 1956 prägender Vordenker der Top-Executive-Search-Beratung. Als einer der weltweit und in Deutschland größten Anbieter berät die im Besitz der Berater stehende Partnerschaft führende Unternehmen und Organisationen dabei, Schlüsselpositionen mit geeigneten Persönlichkeiten zu besetzen. Spencer Stuart unterstützt Klienten zudem mit Dienstleistungen im Bereich Leadership Advisory bei der Potenzial- und Talententwicklung, bei Kulturfragen sowie beim Aufbau und der Weiterentwicklung von Aufsichtsgremien. Besondere Expertise hat Spencer Stuart bei der Begleitung unternehmenskritischer Entscheidungen auf höchster Ebene, in Nachfolge- und Übernahmesituationen sowie bei strategischen Prozessen und Veränderungsphasen. Das Unternehmen ist weltweit mit mehr als 450 Consultants in über 60 Büros in mehr als 30 Ländern vertreten.
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