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DAX40 Unternehmen – Stillstand an der Spitze?

Board Index 2026 von Spencer Stuart: Wenig Erneuerung in Aufsichtsgremien gefährdet die Zukunftskompetenz der deutschen Wirtschaft
June 2026
  • Neubesetzungen sinken um 85 Prozent von 107 (2024) auf 16 (2026)
  • Internationalität nimmt ab und Frauenquote stagniert
  • Tech-Defizit im Aufsichtsrat: Nur 6 Prozent mit Technologiehintergrund

Frankfurt am Main / Wien / München / Düsseldorf, 24. Juni 2026 – Weniger Neuberufungen, längere Amtszeiten, hohes Alter, wenig Bewegung in Sachen Diversität und kaum Technologie-Expertise: Der diesjährige Spencer Stuart Board Index zeigt, dass sich in deutschen Aufsichtsgremien erstaunlich wenig bewegt. In einem wirtschaftlichen Umfeld, das von geopolitischen Umbrüchen, technologischer Disruption und hohem Transformationsdruck geprägt ist, kommt dies einem Warnsignal gleich. Wenn nur wenige neue Perspektiven in die Gremien kommen, steigt das Risiko, dass entscheidende Zukunftskompetenzen nicht ausreichend vorhanden sind.

Dabei geht es nicht allein um die Frage, wie häufig Aufsichtsräte neu besetzt werden. Entscheidend ist, ob die Gremien über die Fähigkeiten verfügen, die deutschen Top-Unternehmen für die kommenden Jahre und fortwährenden Umbrüche brauchen: tiefes Verständnis der internationalen Märkte, Transformationserfahrung und vor allem Technologie- und KI-Kompetenz. Gerade diese Fähigkeiten werden immer wichtiger, nicht nur wenn Aufsichtsräte die strategischen Weichen für die Zukunft der Unternehmen stellen, sondern auch Risiken bewerten müssen. Der Board Index von Spencer Stuart erscheint zum 14. Mal und basiert auf der Auswertung der Geschäftsberichte 2025 der 40 DAX-Unternehmen sowie auf Interviews mit ausgewählten Aufsichtsratsmitgliedern.

Die Ergebnisse im Einzelnen:

Kaum noch Neuberufungen, längere Verweildauern und hohes Alter

Die Zahl der neu gewählten Aufsichtsräte ist stark gesunken. Wurden laut Board Index 2024 in den DAX40 Unternehmen noch 107 neue Aufsichtsratsmitglieder gewählt, sank diese Zahl gemäß dem aktuellen Board Index 2026 auf nur noch 16 – ein Rückgang um 85 Prozent. Hinzukommt, dass auch die Amtszeit der Aufsichtsräte zugenommen hat. Sie stieg von 5,4 Jahren (2024) auf 6,2 Jahre, wie der Board Index 2026 zeigt.

Diese Entwicklung kann als Zeichen der Stabilität und Verlässlichkeit gewertet werden, wirft andererseits jedoch Fragen nach der Erneuerungsfähigkeit dieser zentralen Gremien auf. Sie steht zudem im Spannungsverhältnis zu aktuellen Governance-Trends: Während der Deutsche Corporate Governance Kodex im Sinne der Unabhängigkeit eine maximale Zugehörigkeit von zwölf Jahren empfiehlt – zuvor 15 Jahre –, verlängert sich die tatsächliche Verweildauer in den Aufsichtsräten weiter. 20 Prozent der Aufsichtsräte sind länger als neun Jahre im Gremium – 2024 waren es erst 16 Prozent.

Zudem auffällig im neuen Index 2026: Die Aufsichtsräte bleiben nicht nur länger im Amt, sie haben zum Teil auch ein beträchtliches Alter. Rund 60 Prozent der Vorsitzenden sind älter als 65, jeder zehnte sogar über 75. Am unteren Ende der Altersskala wird die Besetzung deutlich dünner: Nur vier unabhängige Aufsichtsräte sind jünger als 40 Jahre – darunter seit 2026 auch Dr. Philipp Herzig im Aufsichtsrat der Deutschen Telekom. Die Gremien verfügen somit zwar über viel Erfahrung und tiefe Unternehmenskenntnis. Entscheidend ist jedoch, wie dieses Know-how gezielt um neue Perspektiven und moderne Unternehmensführung ergänzt werden kann.

Diversität stagniert: Internationalität sinkt, Frauenanteil unverändert

Ein weiterer Befund des aktuellen Board Index: Der Anteil internationaler, neu gewählter Aufsichtsratsmitglieder ist von 19 Prozent (2024) auf 6 Prozent gefallen. Zwei Aufsichtsräte kommen ganz ohne internationale Mitglieder aus, neun weitere Gremien verfügen über lediglich ein Mitglied mit internationalem Background – und das bei einer durchschnittlichen Besetzung von 15 Aufsichtsräten. Somit ist nicht nur die internationale Perspektive signifikant unterrepräsentiert, die DAX-Aufsichtsräte werden damit wieder deutscher. Obwohl globale Umbrüche den Bedarf an internationaler Erfahrung, geopolitischem Gespür und einem tieferen Verständnis veränderter Marktbedingungen weiter steigen lassen.

Und auch mit Blick auf den Frauenanteil bewegt sich wenig: Wie schon 2024 sind auch gemäß Index 2026 39 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder weiblich. Was den Vorsitz betrifft, so stehen vier weibliche Aufsichtsratsvorsitzende 35 männlichen Kollegen gegenüber.

Vier weibliche Aufsichtsratsvorsitzende in den DAX40-Unternehmen

  • Clara‑Christina Streit – Deutsche Börse und zusätzlich Vonovia
  • Katrin Suder – DHL Group
  • Simone Bagel‑Trah – Henkel
  • Sabrina Soussan – Continental (neu in 2026)

Technologie- und KI-Kompetenz sind in den Gremien kaum vertreten

Besonders deutlich wird der Handlungsbedarf beim Blick auf Technologie und Künstliche Intelligenz. Dabei entwickeln sich Digitalisierung, Cyberrisiken, datengetriebene Geschäftsmodelle sowie Zukunftsfelder wie Robotik und Quantentechnologien zunehmend zu zentralen Fragen von Erneuerungskraft, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit. In den Aufsichtsräten der DAX40-Unternehmen ist entsprechende Expertise bislang jedoch kaum vorhanden: Nur rund 6 Prozent der Aufsichtsräte verfügen über berufliche Erfahrung im Technologiesektor. Zwar bringen mehr als die Hälfte der Aufsichtsratsmitglieder CEO- oder CFO-Erfahrung mit, Profile wie Chief Technology Officer, Chief Innovation Officer oder Chief Digital Officer sind jedoch kaum vertreten. Auch strukturell sind Zukunftsthemen wie Technologie, Innovation, KI und Digitalisierung noch nicht ausreichend in den Gremien verankert: Gerade einmal 17 der DAX40-Unternehmen verfügen über Ausschüsse für diese Bereiche.

Drei Fragen, die Aufsichtsratsvorsitzende jetzt stellen müssen – wenn sie den Takt der Zeit mitbestimmen wollen:

  • Wann wird Kontinuität zum Risiko – etwa für Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens?
  • Wie lässt sich die gezielte Erneuerung des Gremiums vorantreiben, ohne Stabilität zu gefährden?
  • Wo bestehen Kompetenzlücken im Aufsichtsrat, insbesondere bei Technologie, KI, und internationaler Erfahrung, und wie können diese gezielt geschlossen werden?

 

LarsLars Gollenia, Leiter der Board- und CEO-Practice bei Spencer Stuart, fasst zusammen: „Wir treten auf der Stelle. Deutsche Unternehmen haben unglaublich erfahrene Aufsichtsräte. Gleichzeitig brauchen sie mehr frische Perspektiven, technologisches Know-how und internationale Erfahrung, um die großen Transformationsthemen der nächsten Jahre zu begleiten. KI, Digitalisierung und technologische Innovation sind zentrale Elemente der Wettbewerbsfähigkeit. Wenn entsprechende Kompetenzen in den Gremien kaum vertreten sind und nicht einmal die Hälfte der DAX40-Unternehmen dafür eigene Ausschüsse hat, entsteht eine strategische Lücke. Aufsichtsräte sollten den Blick stärker auf Zukunftsfähigkeit, Technologie und geopolitische Resilienz richten – sonst laufen sie Gefahr, hinter den Anforderungen der nächsten Transformationswellen zurückzubleiben.“

 

Den gesamten Spencer Stuart Board Index 2026 finden Sie hier

Über Spencer Stuart

Spencer Stuart ist seit der Gründung 1956 prägender Vordenker der Top-Executive-Search-Beratung. Als einer der weltweit und in Deutschland größten Anbieter berät die im Besitz der Berater stehende Partnerschaft führende Unternehmen und Organisationen dabei, Schlüsselpositionen mit geeigneten Persönlichkeiten zu besetzen. Spencer Stuart unterstützt Klienten zudem mit Dienstleistungen im Bereich Leadership Advisory bei der Potenzial- und Talententwicklung, bei Kulturfragen sowie beim Aufbau und der Weiterentwicklung von Aufsichtsgremien. Besondere Expertise hat Spencer Stuart bei der Begleitung unternehmenskritischer Entscheidungen auf höchster Ebene, in Nachfolge- und Übernahmesituationen sowie bei strategischen Prozessen und Veränderungsphasen. Das Unternehmen ist weltweit mit mehr als 450 Consultants in über 60 Büros in mehr als 30 Ländern vertreten.

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