Einsame Spitze oder Zweierteam?
Phil Le Goff und Roger Rytz
July 2007
In England, das bis zum Cadbury Report 1992 diese beiden
Rollen auch in einer Person vereint hatte, war der Vorschlag einer
Doppelspitze anfänglich mit grosser Skepsis begegnet worden.
Aber bereits fünf Jahre später hatten über die Hälfte der kotierten
Firmen einen „Non-Executive Chairman“. In der Schweiz haben
heute von 27 SMI Firmen sechs Unternehmen einen CEO, der
gleichzeitig Verwaltungsratspräsident ist.
Wichtige Aspekte der Corporate Governance wie Unabhängigkeit
der VR-Mitglieder, Transparenz und die Sicherstellung der
„Checks and Balances“ lassen die Doppelspitze als klar
vorzuziehende Regelung erscheinen. Trotzdem können
Unternehmen mit Doppelspitze in empirischen Untersuchungen
nicht auf einen besseren Leistungsausweis hinweisen.
In unserer Zusammenarbeit mit Firmen unterschiedlicher
Grösse und aus unterschiedlichsten Branchen kommen wir
deshalb auch zu keiner eindeutigen Empfehlung der einen oder
anderen Regelung der Führung an der Spitze. Aus unserer Sicht
geht es viel mehr darum, die Stärken der gewählten Regelung
auszunutzen und ihre möglichen Schwächen zu vermeiden oder
zu überwinden.
Machtvolle Führung im Doppelmandat
Aus der Zusammenfassung der Rollen des VRP und des CEO in
einer Person ergibt sich eine klar identifizierbare Führungsspitze
mit wichtigen positiven Merkmalen:
- Volle Identifikation des VRP/CEO durch eindeutige
Verantwortung für den Erfolg des Unternehmens. Ausgeprägte
Motivation und Fähigkeit, Richtungsänderungen und
Korrekturmassnahmen frühzeitig einzuleiten
- Motivierender Einfluss auf Identifikation und Engagement
der Mitarbeitenden mit ihrem Unternehmen, wenn sich der
VRP/CEO voll mit dem Unternehmen identifiziert und dieses
überzeugend führt
- Raschere, eindeutige Entscheidungen in Zeiten des
Wachstums, der Akquisitionen/Desinvestitionen und der Krise,
wo bedeutende, Widerstand hervorrufende Entscheidungen
gefällt und durchgesetzt werden müssen
- Maximal möglicher Informationsstand auf Ebene
Verwaltungsrat:mit dem VRP/CEO verfügt der Verwaltungsrat
über ein umfassendes Wissen über Produkte, Konkurrenz und Märkte ebenso wie über die laufenden Geschäfte und anstehenden Probleme. Ein zeit- und kostenintensiver Informations-austausch zwischen CEO und VRP fällt weg
- Eindeutige Führungssignale nach innen und nach aussen:
der tägliche, unmittelbare Kontakt mit dem Unternehmen, den Mitarbeitenden und den Kunden und der Kontakt mit den Verwaltungsratsmitgliedern gibt dem VRP/CEO die
Möglichkeit, nach innen und aussen eindeutige Ansichten und
Erwartungen zu vertreten
- Engere Zusammenarbeit zwischen VR und Geschäftsleitung:
der VRP/CEO involviert seine VR-Mitglieder früher und direkter, da keine formelle und keine personelle Schranke überwunden werden muss
- Nur eine einzige qualifizierte Person muss für diese Aufgabe gefunden werden.
Dies erleichtert die Suche, und das Risiko entfällt, dass zwei Personen an der Spitze sich in destruktiven Konflikten behindern und dem Unternehmen Schaden zufügen.
Ein Doppelmandat schafft beim VRP einen deutlichen Machtund
Wissensvorsprung und entzieht damit dem VR Kontrollund
Überwachungskompetenz und damit Einflussmöglichkeit. Der Erfolg des Doppelmandates steht und fällt mit der überdurchschnittlichen Qualifikation und Belastbarkeit des Unternehmenschefs und seiner Fähigkeit und Bereitschaft, divergierende Ansichten erfolgsfördernd einzubeziehen. Erfolgreiche Firmen mit dieser Organisationsform begegnen den möglichen Risiken deshalb systematisch mit einer Reihe von unmittelbaren und präventiven Massnahmen:
Ausgewogene Doppelspitze
Grössere Unabhängigkeit und Transparenz und grössere
Belastbarkeit, Verfügbarkeit und Sicherung der Kontinuität sind
die Merkmale der Rollenteilung zwischen CEO und VRP:
-
Der CEO kann sich voll auf den Unternehmenserfolg, die
Rentabilität und letztlich den finanziellen Ertrag des Aktionärs
konzentrieren
, ohne die zahlreichen belastenden und
zeitaufwändigen Aufgaben eines VRP auch noch abdecken zu
müssen. Damit höhere Belastbarkeit des CEO im Krisenfall
- Grössere Unabhängigkeit in den Entscheidungen und grössere
Transparenz in der Geschäftsführung: zum eher operativen
und damit allenfalls kurzfristigeren Blickwinkel des CEO kommt der langfristiger ausgerichtete, strategische Blickwinkel des VRP. Daraus entsteht eine konstruktiv kontroverse Diskussion mit einer grösseren Zahl von Optionen und Entscheidungskriterien
- Der VRP sorgt für den notwendigen Informationsfluss, da er unter dem gleichen Wissensnotstand leidet wie seine VRKollegen
- Der VRP entscheidet unabhängig von persönlichen
Interessen und mit langfristiger Perspektive über das
Entschädigungspaket von CEO und Geschäftsleitung
(zusammen mit seinen VR-Kollegen)
- Der VRP ist in einer idealen Position, die Leistung des CEO
objektiv zu beurteilen, unter Einbezug seiner VR-Kollegen.
Nichts in seiner Beziehung zum CEO hindert ihn daran, den
CEO abzusetzen, wenn das aus Sicht des Verwaltungsrates im
besten Interesse des Unternehmens und seiner Aktionäre ist.
Verlässt der CEO das Unternehmen, wird das Trauma seines
Abganges durch die bleibende Präsenz des VRP gemildert.
Während der CEO noch im Amt ist, spielt der VRP eine wichtige Rolle in seiner Nachfolgeplanung
- Der VRP ersetzt die Einsamkeit des CEO an der Spitze
als Sparringpartner, Mentor und Rückhalt in schwierigen
Situationen. Die Herausforderungen an den CEO sind heute
bereits derart vielfältig und belastend, ohne dass er noch einen Verwaltungsrat führen muss. Eine auf gegenseitigem Vertrauen und regelmässiger Kommunikation beruhende Beziehung mit dem VRP schafft ein sehr wirksames Zweierteam
- Der VRP kann genügend Zeit und Energie für die Führung
des Verwaltungsrates aufbringen, ohne durch die täglichen
Ansprüche der Geschäftsführung davon abgehalten zu werden.
Dies kann sehr wohl einen bis drei Tage pro Woche fordern. Er
unterhält den Kontakt mit seinen VR-Kollegen zwischen den
Sitzungen, kümmert sich um Aktionärsanliegen, stellt eine
wirksame Arbeitsweise des VR sicher, entscheidet über die
Traktanden der VR-Sitzungen und bereitet ihre Bearbeitung
vor, pflegt gewisse Aussenbeziehungen und trägt zu weiten
Teilen die Verantwortung für die Corporate Governance. Damit kann sich der CEO auf die Herausforderungen der Geschäftsführung konzentrieren
- Die Aufgabe als (nicht-exekutiver) VRP ist ideal für einen
ehemaligen CEO (einer anderen Firma), der weiterhin eine
aktive Rolle übernehmen und seine gesammelten Erkenntnisse
und Erfahrungen in einer unterschiedlichen Führungsaufgabe
einbringen will. Damit können einige der talentiertesten CEOs
für diese tragende Aufgabe gewonnen werden.
Der Erfolg der Doppelspitze steht und fällt mit der Qualität der
Zusammenarbeit zwischen VRP und CEO. Um diese sicher zu
stellen, ergreifen erfolgreiche Unternehmen deshalb insbesondere
die folgenden Massnahmen:
- Das Nominations Committee legt bei der Suche und bei der Auswahl von CEO und VRP grossen Wert auf deren persönliche Kompatibilität, um eine wirksame und fruchtbare Zusammenarbeit ohne destruktive Konflikte zu gewährleisten
- Die beiden unterschiedlichen Rollen des CEO und des VRP
werden von allem Anfang an klar definiert, um territoriale
Konflikte oder Missverständnisse zu vermeiden: der VRP leitet
den Verwaltungsrat, und der Verwaltungsrat betraut den CEO
mit der Führung der operativen Seite des Unternehmens, der damit die volle Verantwortung für die Realisierung der Strategie und den Erfolg des Unternehmens übernimmt
- Das Nominations Committee des Verwaltungsrates
beschäftigt sich permanent mit der Nachfolgeplanung an der Unternehmensspitze und im Verwaltungsrat, um eine qualitativ hoch stehende Nachfolge zu sichern
- Der VRP stellt hohe Anforderungen an den Informationsfluss
und die Transparenz und pflegt einen engen Kontakt zum CEO
um sicherzustellen, dass Entscheidungen zeitgerecht gefällt
werden können und dass insbesondere negative Vorkommnisse
und Einflüsse früh genug auf VR-Ebene bekannt sind.
Der Markt hat noch nicht entschieden, welche Führungsstruktur
an der Spitze für das Unternehmen und die Aktionäre die Beste ist. Aufgrund der Vorstellungen über die wünschbare Corporate Governance haben Aktionärsvertreter, Presse und Öffentlichkeit den Druck zum Übergang vom Doppelmandat auf die Doppelspitze deutlich verstärkt. Dieser Trend dürfte sich in den kommenden Jahren fortsetzen.
Trotzdem dürfte das Doppelmandat immer dann wieder eine
Zukunft haben, wenn eine aussergewöhnliche Persönlichkeit
beide Aufgaben wahrzunehmen weiss, wenn ein starker CEO für
die Übernahme der Präsidentschaft die beste Wahl darstellt oder
wenn in einer Situation der Umwälzungen im Unternehmen
eine besonders starke Führung benötigt wird und kein VRP mit
befriedigender Qualifikation zur Verfügung steht.
Risiken und damit mögliche Fehlentwicklungen kommen in beiden Fällen vor. Ob als Mitglied einer Geschäftsleitung oder eines Verwaltungsrates oder als Aktionär wird man versuchen, gerade die Ursachen für Fehlentscheidungen und Fehlverhalten auch danach abzufragen, ob sie allenfalls am Doppelmandat oder an der Doppelspitze liegen — und gegebenenfalls eine andere Lösung fordern. Flankierende Massnahmen zur Kompensation der jeweiligen Risiken empfehlen sich auf jeden Fall.
Note
This article forms part of the Switzerland Point of View: Winter 2006.